Hinweis

Liebe Interessierte an der Geschichte und den Geschichten zu DT64. 2017 wurde dieses Erinnerungsblog leider von einer internationalen Hacker-Gruppe feindlich übernommen und mit Links zu pornografischen Inhalten geflutet. Dabei sind einige Seiten zerstört worden. Nach und nach werden hier sicher wieder neue DT64-Inhalte eingestellt werden. Einiges ist auch unbeschädigt geblieben. Im Menü unter „Kollektiv“ findet sich z. B. der aktuelle Stand der Mitarbeiter-Auflistung. Und unter „Chronik“ ergänze ich regelmäßig Daten und O-Töne.

Jörg Wagner

Rauchen und Rock

In der Nachrecherche zum Tod von Stephan Trepte (*20.07.1950 – †22. 07.2020) stieß ich auf einen didaktischen Beitrag von mir zum Thema „Rauchen und Rock (musik)“. Ich jobbte vor dem Studium auf Honorarbasis bei DT64 und kümmerte mich um Hörer*innen-Fragen. Zudem war ich Nichtraucher. So kam es letztlich zum Kurz-Interview mit Stephan Trepte (im zweiten Teil). Achim Dresdner war der Moderator. Üblich war es, dass Autoren Textvorschläge für die Moderation machten. Mit 39jähriger Distanz würde ich sicherlich andere Worte wählen. Dass sich DT64 dieser echten Hörerin-Frage angenommen hat, ist für mich letztlich der entscheidende Aspekt. Wenn ich mich richtig erinnere, war es meine Arbeitsgruppen-Chefin Marianne Oppel, die mir auch in diesem Fall die Post zur funkischen Bearbeitung überließ. Jörg Wagner

Was: Beitrag „Rauchen und Rock“
Wann: 02.12.1981, zwischen 16:00-19:00 Uhr
Wo: Berliner Rundfunk, Jugendstudio DT64
Wer:
* Achim Dresdner, Moderator
* Peter Meyer, Keyboarder und Sprecher der „Puhdys“
* Jörg Wagner, freier redaktioneller Mitarbeiter
* Stephan Trepte, Sänger „Reform“

Vgl.: „Der Tod und das Mädchen“ – „Reform“ (1978, nach Aussage von Stephan Trepte. Es finden sich auch die Jahresangaben 1977 und 1979)

Manuskript mit  Moderationsvorschlag
Manuskript mit Moderationsvorschlag

Die Top 2000 D

Die Top 2000 D – damals (17.08.-25.08.1990) – die längste Hitparade der Welt ist nun schon wieder 30 Jahre her. Die einwöchige Gemeinschaftssendung zwischen SDR 3 und DT64 ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer war ohne Übertreibung DAS deutsch-deutsche Radioereignis überhaupt. Eine Funkbrücke, die Macher*innen und Hörer*innen gleichermaßen in den Bann zog. Einer der DT64-Moderatoren Günter Schneidewind (oben zu sehen im Video rechts neben Matthias Holtmann während einer Nachtmoderation) gab jetzt im Juni 2020 Andreas Knedlik von digiandi.de ein Zeitzeugen-Interview, das auch interessante Anekdoten zur Top 2000 D enthält. Denn dieser Auftritt beim SDR veränderte das Leben von Günter Schneidewind.

Trailer:

Musikband und SDR-Bandkarton im Berliner Studio von  DT64 für Platz 1732 | Foto: © Jörg Wagner
Musikband und SDR-Bandkarton im Berliner Studio von DT64 für Platz 1732 | Foto: © Jörg Wagner

Buch zur Hitparade "Top 2000 D", Factor Verlag, Stuttgart, 1990
Buch zur Hitparade „Top 2000 D“, Factor Verlag, Stuttgart, 1990

„Maulkorb“ bei DT64

Stefan Lasch | Foto: © Jörg Wagner

Wer hätte gedacht, dass einstige Mitarbeiter von Jugendradio DT64 über 30 Jahre nach der Wende einmal einen „Maulkorb“ bekommen werden? Die Corona-Pandemie brachte den ehemaligen DT64-Musikjournalisten Stefan Lasch auf die Idee, am 56. Geburtstag von DT64 die Werbefläche seines Corona-Mund-Nasen-Schutzes dem wichtigen Übergang vom Festivalradio „Sonderstudio Deutschlandtreffen“ Pfingsten 1964 zum Regelbetrieb im Berliner Rundfunk als „Jugendstudio DT64“ am 29.06.1964 zu widmen. Zu sehen ist das Logo nach der Erweiterung des Programms zum „Jugendradio DT64“ ab 07.03.1986. (siehe Chronik)

Stefan Lasch
Stefan Lasch mit DT64-Corona-Maske am 29.06.2020 auf dem Gelände des Funkhauses Berlin, Nalepastraße | Foto: © Jörg Wagner
Treffen zum DT64-Geburtstag 2020 an der Milchbar des Funkhauses Berlin | Foto: © Jörg Wagner

Bundespräsident Steinmeier und DT64

Wer: Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland
Was: Rede während der Veranstaltung zur Verleihung des Deutschen Radiopreises 2019
Wo: Hamburg, Elbphilharmonie, Großer Saal
Wann: 25.09.2019

Kleine Überraschung in der Rede des Bundespräsidenten: die historische Würdigung von DT64 ab Minute 10:40 Uhr.

(Redemanuskript)

Einladungen hierher, nach Hamburg, in die großartige Elbphilharmonie kann man ohnehin nur schwer ablehnen. Aber zu dieser habe ich besonders gern Ja gesagt. Ich freue mich, ein Medium ehren und feiern zu können, auf das jedenfalls ich nicht verzichten wollte: das Radio.

Entgegen anderslautenden Behauptungen hören auch Personen des sogenannten öffentlichen Lebens – sogar die aus der Politik – gern einfach einmal zu. Und bei welcher Gelegenheit könnten sie das besser als beim Radiohören. Man darf dabei schweigen, sich informieren, amüsieren, freuen oder ärgern – in jedem Fall ist es erholsam, einmal nicht selbst reden zu müssen, gefragt zu werden oder es zu sein.

Man kann das Zuhörenkönnen gar nicht hoch genug schätzen. Es hilft, Antworten zu finden. Und besonders wer ständig gefordert ist, auf Fragen zu antworten, sollte jedenfalls vorher gut zugehört haben.

Ich will nicht behaupten, dass mir alles, was Sie uns so zu Gehör bringen, gefällt. Aber stellen wir uns vor, es wäre so: es würden nur Musik, Unterhaltung und ausgewählte Nachrichten gesendet, die dem Staatsoberhaupt gefallen. Wir würden einander ziemlich sicher langweilen, niemand wollte mehr zuhören, und vermutlich würde nicht einer von Ihnen heute hier mit einem Preis für seine Arbeit ausgezeichnet.

Deshalb: Ob mir eine Nachricht gefällt oder nicht, ich will sie hören. Zuhören macht uns nicht immer schlauer, aber niemals dümmer. Und das Radio will nichts weiter von mir als meine Aufmerksamkeit.

Sie könnten mich auch fragen, warum ich gern Zeitung lese. Selbstverständlich, weil ich gern lese, was ich lesen will. Aber tatsächlich auch und vielleicht sogar noch mehr, weil ich immer mehr lese als ich will. Ich lese, was ich gar nicht gesucht oder erwartet habe:

das Überraschende, das Unerwartete. Das ist das Spannende. Soziale Medien sind anders. Sie bestätigen in aller Regel meine eigene Haltung; Streamingdienste meine Neigungen und Vorlieben – selbst die musikalischen. Gutes Radio ist anders. Es ist wie Zeitung: Musik, Nachrichten, Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur in bunter Folge. Ich versichere Ihnen, irgendwas von dem bleibt immer hängen. Sickerwissen nenne ich das: nützliche Ablagerungen, gebildet aus mehr oder weniger zufälligen und überraschenden Hörerlebnissen.

Das funktioniert und es nützt. Ich habe da sehr lange Erfahrungen. Zu meiner Schulzeit lief, wenn ich mittags nach Hause kam, das Mittagsmagazin auf WDR 2. Von 12 Uhr bis 14:30 Uhr. Danach kam der Ratgeber. Wenn ich zurückdenke: Die Stimmen von Dieter Thoma in den späten Siebzigern oder Ulrike Wöhning in den frühen Achtzigerjahren – an die sich vermutlich nur noch die erinnern werden, die genauso weißhaarig sind wie ich – diese Stimmen habe ich immer noch im Ohr. Vierzig Jahre ist das jetzt her. Damals ist eine Radioleidenschaft geboren und erhalten geblieben.

Gelegenheiten, Radio zu hören, habe ich auch heute noch sehr häufig, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Das einzige Problem: Ich muss die Jury vom richtigen Programm überzeugen.

Diese Jury besteht aus drei Personen: meiner Frau, mir – und am Ende natürlich auch dem Fahrer. Wenn ich mich durchsetzen kann, dann gibt es Wortprogramme und Nachrichten tagsüber – im Land unterwegs, auf dem Weg zu Terminen. Und abends, auf der Rückfahrt Barjazz zum Runterkommen.

Der Unterschied ist: Läuft Jazz im Radio, höre ich das gern und in der Regel mit Genuss. Dass Nachrichten mir wie Musik in den Ohren klingen, passiert eher selten.

Doch darauf kommt es nicht an: Die Form, in der mich die Nachricht erreicht, die ist mir wichtig. Ich höre viele Moderatoren und Korrespondenten gern. Viele kenne ich von gemeinsamen Reisen ins Ausland. Mit vielen habe ich gesprochen, nicht nur in Interviews. Und deshalb weiß ich, wie ernst sie ihre Arbeit nehmen, um seriöse Berichterstattung abzuliefern. Ich weiß, ich bin gut aufgehoben, ich bin es als Bürger, der sich informieren will, und ich war es als Politiker, weil ich mich auf eine kritische, aber faire Berichterstattung verlassen konnte.

Das Vertrauen, das auf diese Weise entsteht, vor allem das Vertrauen Ihrer Hörerinnen und Hörer ist kostbar. Sie haben einen ganz besonderen Zugang zu Menschen. Für viele sind Sie diejenigen, die die Meinung der Hörer im Alltag prägen. Sie dürfen in ihr Ohr, in ihren Kopf und manchmal auch in ihren Bauch. Deshalb: Gehen Sie verantwortungsvoll und sehr sorgsam damit um. Glauben Sie mir, Fehler versenden sich nicht. Fällt mir als Hörer ein Fehler auf, der nicht korrigiert wird, dann frage ich mich sofort: War das alles, oder ist vielleicht noch etwas falsch? Deshalb, glauben Sie mir, nicht die Schnelligkeit, das Vertrauen ist Ihr höchstes Gut. Erhalten Sie sich das Vertrauen Ihrer Hörer!

Mir ist wichtig, mich jederzeit vertrauensvoll meinem Sender überlassen zu können, der mich zuverlässig informiert und nicht nur mit Nachrichten versorgt, sondern die Nachrichten, die ich höre, auch einordnet. Und ebenso freue ich mich, immer und überall die Musik hören zu können, die mir die liebste ist.

Eine Selbstverständlichkeit für uns und heute, die doch keine Selbstverständlichkeit ist. Nicht überall auf der Welt und nicht immer. Allzu lange ist es noch nicht her, dass wir weder das eine noch das andere hören konnten. Wir wissen um die Zeit in Deutschland, in der Jazz als entartete Musik galt, und eine freie und unabhängige Berichterstattung nicht nur unerwünscht, sondern gefährlich war und am Ende ganz verstummte.

Das eine war die Bedingung des anderen: Wo es keine Freiheit der Kunst gibt, wo die Zensur entscheidet, was wir lesen oder hören sollen, da kann es keine freie Berichterstattung geben. Und wo Journalisten nicht sagen oder schreiben dürfen, was sie beobachtet und recherchiert haben, da wird auch die Kunst geknebelt.

Inzwischen müssen wir nicht nur auf Orte außerhalb von Europa schauen, auch innerhalb Europas gibt es wieder Orte, an denen die Freiheit der Berichterstattung eingeschränkt ist. Und auch das ist wahr: Nichts ist gefährlicher für jede Art des Ausdrucks, als die Anbiederung an staatliche Gewalt, an Ideologien oder den sogenannten Zeitgeist. Das ist keine Aufforderung, unpolitisch zu sein oder gar, sich im Seichten zu verlieren. Der reine Dudelfunk wird sich gegen Spotify und andere nicht behaupten, und wenn noch so viele Gewinnspielchen ins Programm eingestreut werden. Muten Sie den Hörern ruhig zwischendurch ein paar Sätze zu, die bei der Orientierung im unübersichtlichen Gelände des alltäglichen Wahnsinns helfen.

Meine Damen und Herren, Ihre Vorgänger in den Musik- und Nachrichtenredaktionen hatten in den frühen Jahren der Bundesrepublik großen Anteil daran, dass die Deutschen „in the mood“ gebracht wurden für die Vorzüge von Freiheit und Demokratie.

Und auch jenseits des Eisernen Vorhangs hatte man offenbar verstanden, dass Westmusik nicht einfach abzustellen war. Ich jedenfalls erinnere mich an die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um den Ostberliner Jugendsender DT64 vor und nach dem Mauerfall. Er war lange Jahre der einzige Sender, der Rock, Pop und andere populäre Musik im Programm hatte. Er war ein Ventil und der Staatsführung ebenso lange ein Dorn im Ohr.

Rock und Pop war verdächtig. Der Sound der Freiheit ängstigte die, die mit Freiheit nichts am Hut hatten. Das elfte Plenum des ZK der SED jedenfalls schon 1965, im Jahr nach der Gründung von DT64, als es feststellte, der „schädliche Einfluss“ von Beatrhythmen „auf das Denken und Handeln von Jugendlichen“ sei „grob unterschätzt“ worden. Deshalb hat es lange gedauert, bis Udo Lindenberg kommen durfte und die Scorpions „Wind of Change“ pfeifen konnten.

Wirklich schaden konnte dieses Verdikt Erich Honeckers dem Sender dennoch nicht. Er wurde mal bedrängt, mal nicht, existierte aber weiter und sendete in Konkurrenz zum SFB und RIAS. Als nach dem Fall der Mauer vor bald 30 Jahren die Frequenzen außerhalb Berlins RIAS übergeben werden sollten, protestierten die Hörer so unüberhörbar, dass der Handel schon am nächsten Tag rückgängig gemacht wurde. Ich finde: eine schöne Geschichte ostdeutscher Selbstbehauptung.

Deshalb: Das Radio hat Einfluss. Man kann ihn nutzen, im Guten wie im Bösen. Das Radio kann ein kleiner brauner Volksempfänger sein, aus dem nur eine Stimme dröhnt – oder ein Medium, das jede und jeden zu Wort kommen lässt, das überall hingeht und überall gehört wird, ein Radio, das die ganze Vielfalt unserer Lebenswelten zu Klang und Sprache bringt.

Dieses Radio meine ich. Ich meine das Radio, das ein wichtiges, ein unverzichtbares Medium unserer Demokratie geworden ist. Das Radio, das auf spektakuläre Bildsprache verzichten muss, das dafür aber umso mehr Raum hat, uns zum Lachen, zum Nachdenken, zum Weinen oder zum Träumen zu bringen. Ich freue mich darauf, heute Abend viele Preisträgerinnen und Preisträger kennenlernen zu dürfen, die eben dieses Radio repräsentieren, das ich schätze und liebe.

Herzlichen Dank Ihnen fürs Zuhören. Und herzlichen Glückwunsch allen Preisträgern!

(Quelle: Bundespräsidialamt)

Vor 50 Jahren

Das Gelände des Funkhauses Berlin im Januar 2014. Links Block E, in dem in der 5. Etage DT64 untergebracht war, rechts Block A. | Foto: © Kai Ludwig
Das Gelände des Funkhauses Berlin im Januar 2014. Links Block E, in dem in der 5. Etage DT64 untergebracht war, rechts Block A. | Foto: © Kai Ludwig

Kai Ludwig im Mai 2014

Vom 15. bis 18. Mai 1964 sendete der Rundfunk der DDR ein Sonderprogramm zum „Deutschlandtreffen der Jugend“ in Berlin. Die große Resonanz auf diese Sendungen mündete in das Nachmittagsmagazin „Jugendstudio DT64“, das vom 29. Juni 1964 an regelmäßig im Berliner Rundfunk lief. Zwischen 1981 und 1987 wurde daraus schließlich ein ganztägiges fünftes Programm aufgebaut.

Der somit bevorstehende 50. Geburtstag führte zu erneutem Interesse am Thema DT64. Allerdings scheint es sich dabei in größerem Maße um jene Spielart der Ostalgie zu handeln, die sich bereits 2013 in umfangreichen Beiträgen über die Serie von Konzerten äußerte, die 1988 in Berlin-Weißensee stattfand. In diesem Zusammenhang bemerkt ein Fernsehprofi zu vor kurzem ausgestrahlten Sendungen über die Jugendkultur in der DDR: „Die gezeigten Filmschnipsel sind allesamt weitestgehend bekannt.“

Ins Auge fällt dabei einmal mehr, wie DT64 als alleinstehendes Phänomen gesehen wird, ohne den Gesamtkontext des Rundfunks in der Berliner Nalepastraße zu betrachten. Besonders interessant ist dann der Umgang mit der Umbenennung von DT64 in MDR Sputnik (entgegen anderen Darstellungen handelte es sich um eine solche, vollzogen zum 1. Mai 1993). Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, wie Details der Geschichte des Rundfunks der DDR auch in Bezug auf die heutige Medienlandschaft interessanter sind, als es im ersten Moment scheinen könnte.

Weitgehend ignoriert werden bei alldem die Änderungen, die bereits vom Herbst 1990 an im Programm von DT64 vorgenommen wurden. Sie äußerten sich im Verschwinden erheblicher Teile des Wortprogramms und im September 1991 dann auch einer deutlichen Änderung der Musikfarbe.

Was dabei offensichtlich verdrängt wird ist der Umstand, wie hier bereits jene Entwicklungen begannen, die nach der Übernahme des Programms durch den Mitteldeutschen Rundfunk schließlich in deutliche Kritik des bisherigen Publikums mündeten. Charakteristisch dafür ist eine zufällige Runde, die sich Ende 1993 am Rande einer Produktion des Deutschlandsenders Kultur in das still daliegende Studio K13 zurückzog und dort „wir interessieren den Sender nicht mehr“ konstatierte.

Auffällig ist überdies, wie wenig im Vorfeld des anstehenden Geburtstags von den Mitarbeitern des „alten“ DT64 die Rede ist. Dem Vernehmen nach wollen diese das Jubiläum durchaus begehen – ohne die Öffentlichkeit, in den verbliebenen Räumen des Funkhauses Nalepastraße.

Es würde dabei auch abseits der Realitäten liegen, Formulierungen wie „unvergessen“ zu verwenden. Dies zeigt beispielhaft der Fall zweier Moderatoren der ersten Stunde, Karl-Heinz „Kalle“ Neumann und Gretel Ortner. Der Tod von Kalle Neumann vor rund einem Jahrzehnt blieb unbekannt, bis Veteranen des Berliner Rundfunks gezielt befragt wurden. Gretel Ortner schließlich ist selbst aus dem Gesichtsfeld dieses harten Kerns spurlos verschwunden.

Öffentlich gewürdigt wird der bevorstehende 50. Geburtstag von DT64 mit einer dreitägigen Veranstaltung im Berliner Kino Babylon. In diesem Rahmen gibt es Konzerte sowie sich teilweise wiederholende Vorführungen von Filmen und Archivmaterial. Hinzu kommen einzelne Diskussionsrunden mit Gästen aus dem Kreis jener Personen, die überhaupt noch an dieses Thema erinnert werden wollen (was eher die Ausnahme als die Regel zu sein scheint).

Auch über den Veranstaltungsort hinaus wirksam wird dieses Festival mit einem Sonderprogramm vom 8. Mai, 6.00 Uhr, bis zur Nacht zum 11. Mai, 2.00 Uhr. Terrestrisch zu hören sein wird dieses Programm allerdings nur am ersten Tag ab 19.00 Uhr, und zwar im Rahmen des Sendeplatzes von Pi-Radio im Sammelkanal „88vier“ der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

„88vier“ läuft auf UKW nur in Mono, was ironischerweise wieder an einen Aspekt von DT64 erinnert, nämlich das Problem fehlender Übertragungsleitungen, durch das auch noch 1986 in Teilen der DDR nur in Mono gesendet werden konnte. Speziell dort, wo BRD-Sender problemlos in Stereo zu empfangen waren, wirkte das zu diesem Zeitpunkt nur noch peinlich. Entsprechend übte das Staatliche Komitee für Rundfunk anscheinend massiven Druck auf die Deutsche Post aus, um eine durchgängige Stereoverbreitung von DT64 durchzusetzen.

Michael Scholz: Die ganz besond(t)ere Geschichte. Ein Versuch

Seit dem Jahre 1988 ist das Radio für mich ein ständiger Begleiter. Die schönsten Radioerlebnisse hatte ich mit DT 64. Meine Lieblingssendungen waren: „Podiumdiskothek“, „Mischmasch“, „Take five“, „Dr. Kaos“, „Hitglobus“, „Everbeats“, „Soundtrack“, „Deutschland im Stau“. Für mich interessante Radioprojekte waren „Die Top 2000 D“ eine Gemeinschaftsproduktion mit dem SDR 3 (August 1990) und die „DT 64 Hitkaravane“, die vom 17. Bis zum 27. Mai 1991 durch Deutschland zog.

Eines morgens, es war ein Freitag im September 1991, sagte mein Vater zu mir: „DT 64 ist heute ein Piratensender.“ Ich dachte damals: „Das ist ja toll, da senden die also von einem Schiff aus.“ Den Ernst der Lage habe ich nicht begriffen, ich war 9 Jahre alt. An jenem Freitag im September, heute weiß ich, dass es der 13. September war, hörte ich zum ersten mal den Slogan „Power von der Eastside.“ Im Nachhinein habe ich mich oft geärgert, dass ich nichts für diesen Sender tat.

Dann gab es im Herbst die Demonstrationen. Mir ist noch der Satz „Alle Hörer aufwachen, es geht ums Ganze! im Gedächtnis. Und in der Zeitgeistrubrik „Kompost“ sagte, ich glaube, es war André Sander, „Von den Schwachen zu wenig gestützt, verstarb Jugendradio DT 64.“ Das war am 15. November 1991. Als mich mein Vater am 20. Dezember 1991 vom Bahnhof abholte, – ich besuchte damals die Blindenschule in Chemnitz -, sagte er: „Die Nachrichten werden heute gesungen.“ An diesem Tag lief der „Stimmbruch“, dies war eine Sendung, in der Prominente für den Erhalt von DT 64 stritten.

Ich habe Jingles und Sendungsausschnitte gesammelt. Die Sendungsausschnitte stammten vom „Piratentag“, vom „Stimmbruch“, und von der Sendung „Deutschland im Stau“. Da sammelte ich die Fernsehausschnitte, die in der Rubrik „Feuer frei auf die erste Reihe“, liefen.

Am 2. August 1993 besuchten mein Cousin und ich unsere Großmutter. Ich hatte meinen Kassettenrecorder und eine Kassette mit den eben erwähnten Jingles und Sendungsausschnitten von zu Hause mitgenommen. Mein Cousin wusste, wie man den Recorder bedient. Irgendwann war er genervt und schaltete den Recorder ab und erklärte: „Wir haben beschlossen, diesen ganzen Quatsch zu löschen.“ Er hat mich nicht gefragt, gewährt habe ich mich auch nicht, da er älter ist als ich. Und unsere Großmutter sagte: „Genau, diesen Quatsch von dem Idiotensender!“. Ich weiß nicht, warum sie dies gesagt hat. Seitdem hatte ich keine Lust mehr, etwas zu sammeln.

Ich persönlich glaube, dass das Programmschema von DT 64, so wie ich es von 1991 bis 1993 gehört habe, heute noch Erfolg hätte, auch wenn einige behaupten, dass das andere Zeiten waren.

Michael Scholz, September 2013